Ich komm damit klar…

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Meine Rechtschreibschwäche ist mit den Jahren deutlich schwächer geworden. Ich mache immer weniger Fehler, und ich komme auch immer besser mit gemachten Fehlern klar. Aber ich wollte mal darüber schreiben.

Seit dem ich Lesen und Schreiben gelernt habe, hat mich meine Rechtschreibschwäche verfolgt. Sie war überpräsent. Sie hat meine Ausbildung bis zum zweiten Studiengang bestimmt. Ich wurde für dumm gehalten, ausgelacht, von Lehrern vor der Klasse bloßgestellt und all mein anderes Können wurde in Frage gestellt. In allen Schulfächern wurde ich aufgrund meiner Rechtschreibung eine volle Note schlechter bewertet als es mein Wissen und Können erlaubte. Da selbst in Kunst und Chemie die Rechtschreibung Punkte tilgt, wenn man sie nicht beherrscht. (Was liebte ich Matheklausuren dafür keine langen Texte zu beinhalten… und dabei bin ich nicht sonderlich gut in Mathe) Ich wurde mal von einem ehemaligen Kollegen gefragt warum ich überhaupt studieren durfte … … … ich … wow…

Wenn ich heute Fehler mache fühle ich mich wie der Schüler der ich war. Vorne an der Tafel, die süffisant lächelnde Lehrerin neben mir, die mich meine Fehler der letzten Klausur erneut an die Tafel schreiben lässt, und dann – ohne Witz und Übertreibung – meine Mitschüler aufforderte über mich zu lachen, weil ich zu dumm sei. (Ich hatte zum Glück eine tolle Klasse, mit tollen Klassenkameraden, die sich bei so einer Scheisse weigerten mitzumachen.)

Ich werde noch heute von einigen Menschen sehr mitleidig oder überheblich angeguckt, wenn sie sehen welche Fehler ich mache. Für Menschen die keine Rechtschreibschwäche haben ist es teilweise unverständlich wie man überhaupt solche Fehler machen kann. Und glaubt mir, selbst mit der Korrektureinstellung am Rechner kann man ganz „toll“ Fehler machen.

Ich hatte eine tolle Englischlehrerin in der Oberstufe, die es schaffte Fehler geradezu zu feiern. Sie schrieb aus jeder Klausur EINEN Fehler auf ein A4 Zettel. Am Ende der Klausur bekamen wir diesen Zettel und hatten dann so viele Fehler auf dem Zettel wie Schüler in der Klasse. Wir gingen zusammen die Fehler durch und lernten gemeinsam wie es richtig war. Es lockerte die Stimmung in der Klasse so auf, das wir nach wenigen Klausuren anfingen uns auf diese Zettel zu freuen. Man gab freudig zu: „Ha, das ist mein Fehler“ und keiner hatte ein Problem damit. Es war ja „nur ein“ Fehler von Dir drin, und JEDER hatte einen Fehler auf dieser Liste. Das tat wirklich gut. Auch in meinem Zweitstudiengang fühlte ich mich nicht so gehetzt von meiner Rechtschreibschwäche. Es viel zwar immer noch auf, aber es wirkte sich nicht wirklich auf die Bewertung der Arbeit aus.

Hier auf meinem Blog lasse ich die Comics immer korrigieren. Selbst dann flutscht mal was durch, aber eher selten. Die Texte hier unter den Comics werden meist nicht korrigiert, und auch die anderen Texte in meinem Blog sind nur von mir selbst auf Fehler überprüft worden. Ein wenig ist das Training für mich. Ich werde langsam besser, und seit dem ich mit meiner Frau zusammen bin habe ich noch mal einen guten Sprung gemacht. Sie hat mir vieles vermittelt woran andere gescheitert sind. Zudem schreibe ich mehr, und der Rechner zeigt mir Fehler während ich schreibe. Und ich schaue Worte im Internet nach, bei denen ich mir unsicher bin. (Hach, Internet…wie ich die Liebe) Früher wurde es immer schlimmer um so mehr ich über ein Wort nachdachte und man hat nicht immer ein Wörterbuch bei sich.

Lange Rede kurzer Sinn; Ich habe sehr schlechte Erfahrungen mit dem Lesen und Schreiben gemacht, und das obwohl ich es liebe zu Schreiben. Etwas in meinem Kopf lässt die Erinnerungen und Erfahrungen immer noch nicht los und bricht gelegentlich an die Oberfläche. Es wird mit jedem Jahr weniger, aber es gab Zeiten da konnte ich in Tränen ausbrechen, wenn ich einen Fehler entdeckte, den ich zu öffentlich gemacht habe.

P.S.: Das hier ist meine vierte Version von diesem Text. Immer wieder habe ich versucht mich kürzer zu fassen und habe Geschichten aus Schulzeiten gestrichen. Vieles erzähle ich nicht. Die Schulzeit hat mich fertig gemacht. Ich denke nicht gerne daran, und erst ab der Oberstufe habe ich vereinzelt wirklich positive Erinnerungen an das Lesen und Schreiben.

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18 Gedanken zu „Ich komm damit klar…

  1. Wow. Stell es mir mutig und schwierig vor, etwas derartiges über sich zu posten. Zunächst einmal dafür Chapeau!
    Ich selbst war stets eine Niete in Rechtschreibung, meine erste (und wahrlich nicht letzte) Note 6 in einem Diktat stammt aus der 3ten Klasse. Bei mir hatte das massiv mit einem Sprachfehler zu tun welchen eine tolle Logopädin wieder weg gekriegt hat, aber dennoch es hat Jahre gebraucht um das gewuppt zu kriegen.
    Seit kurzer Zeit bin ich Vater eines schulpflichtigen Jungen und mir graut es vor den Dingen die da auf ihn zukommen….
    Aber bevor ich abschweife, nochmal Hut ab, danke für Deine Feine Linie und weiterhin alles Gute!
    P.S. Ohne diesen Post hätte ich niemals auch nur erahnt, dass Du eine derartige Rechtschreibschwäche hast/hattest. Insofern was auch immer Du tust/getan hast… mach weiter!

  2. Ich schätze deine Zeichnungen, deinen Humor und die Scharfzüngigkeit. Deshalb werde ich dich als Beispiel weitererzählen, wenn ich mit Betroffenen zu tun habe. Wenn man mittendrin (in der Schulzeit) steckt, ist ein Lichtblick, eine Vision, eine Hoffnung manchmal sehr nötig.
    Danke im Namen aller

  3. Meine Rechtschreibung, besonders in Kommentaren, ist auch ohne Rechtschreibschwäche katastrophal. Mach‘ Dir also kien Sorgen, das merkt ausser Dir kein Mensch, zumindest nicht bei dem Niveau wie Du normalerweise schreibst.

    Zu Zeiten hatte ich die Signatur: „Meine Schlechtschreibung ist hervorragend!“

    Auch nett, „Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten.“

    PS: Lehrer, die Schüler quälen statt ihnen zu helfen sind der Horror. Erst nach der Schulzeuit im breiuch Erwachsenenbildung hatte ich KOntakt zu richtig guten Lehrern und gesehen was ein guter Lehrer tatsächlich kann. Ja, die gibt, die guten Lehrer. Aber wer wirklich gut ist, der geht nicht na die Schule, sondern verdingt sich als Privatleherer in der Erwachsenenbildung, scheint mit. Erwachsene können meist besser bezahlen und anerkennen einen guten Lehrer besser.

    PPS: Ich habe auch schon mal einen Cartoon mit Rechtschreibfehler veröffentlich. Oh Gott, was habe ich mich geschämt, nicht mal die drei Sätze fehlerfrei hinzubekommen.

    • Ich denke der Lehrerpart ist der, der sich mit am meisten auf mein Ticken im Bezug auf die Rechtschreibung, auswirkt. Ich hatte wie gesagt zum Glück super Klassenkameraden. Ohne die wäre ich eingegangen.

      • Wenn ich die Schreibfehler in meinem Kommentar ansehe, dann rollen sich mir die zehennägel auf. Und ich hatet versucht, das noch mal gegenzulesen, weil ich wusste dass ich in dieser Kommentarbox gerne Schreibfehler mache <.<

        Du bist da also gar nicht allein. Allerdings brauchen wir dringend Lehrer an den Schulen, die Kinder fördern können, und nicht nur mit dem Trichter Wissen verabreichen. Oder gar wie in deinem Fall, die Kinder, die es schon schwer haben, noch weiter nach unten drücken.

        Kleinere Klassen würden auch helfen. Wenn man sich anschaut, welche Verwschwendung der Bund der Steuerzahler jedes Jahr auflistet, dann wäre das mit besserem Haushalten durchaus machbar.

        Auf jeden Fall müsste man die begabten Lehrer an die Schulen locken.

        Das wird aber schwierig, wenn ich sehe, dass manche Ausbilder in der Erwachsenenbildung 3000 Euro an einem Seminartag einnehmen. Sicher, die brauchen Zeit für die Vorbereitung, ihre eigene Weiterbildung usw, das ist nicht das was am Ende für sie übrig bleibt. Der Unterschied ist jedoch enorm, und man sieht, dass gute Lehrer oder Ausbilder durchaus wertgeschätzt werden – aber eben nicht vom Staat und an der Schule, sondern von Firmen oder Privatleuten, die sich so ein Seminar leisten können.

        Auch kurios, an der Volkshochschule gibt es immer wieder hochqualifizierte Ehrenamtliche, denen die Vermittlung von Wissen eine Herzensangelegenheit ist. Aber die können eben keine Vollzeitlehrerstelle übernehmen …

  4. Dieses Gefühl kenne ich. Bei mir gibt es auch eine große Diskrepanz zwischen dem geschriebenen und dem gesprochenen Wort. Ich habe in der Schule in Text orientierten Fächern häufig nicht Korrektur gelesen, weil ich es nicht ertragen konnte wie schwach ich mich ausgedrückt habe. Analysieren oder Reflektieren funktionierte immer sehr gut. Wenn es aber daran ging, die eigenen Gedanken auf das Papier zu bringen streikte oder blockierte das Oberstübchen gerne mal. Ich habe immer gerne und viel gelesen und bewunderte gekonnte Wortjongleure. Das machte die eigene schriftlich Unzulänglichkeit aber eher noch schlimmer, anstatt eine wirklich Besserung zu bewirken. Man erkannte die Unterschiede zwischen Autoren und dem „literarischen“ Ich nur viel deutlicher.
    Selbst jetzt wenn es um wichtige Mails für einen großen Personenkreis geht, komme ich regelmäßig ins schwitzen.
    Ich möchte dir für deine offenen Worte über die eigenen Erfahrungen herzlich danken!
    Ich glaube so ein Text hilft Personen, die mit ähnlichen Schwächen und Erfahrungen zu kämpfen haben.

  5. Ich habe keine generelle Rechtschreibschwäche, aber war nie gut darin und am schlimmsten die Kommasetzung.
    Oh, ja, und der Moment, wenn man „Senden“ drückt – in der Sekunde tauchen mehr Fehler plötzlich auf, als statistisch zu erwarten wären. Je nach Plattform (WordPress, Twitter, G+) dann Ärger, das zu korrigieren (alias: Löschen und neu posten).
    Hier https://www.languagetool.org/ habe ich ein besseres Computertool gefunden, als die Rechtschreibprüfung des Browsers. Allerdings jage ich auch nicht jeden Text dadurch und es ist auch nicht fehlerfrei.

    • Ja, Kommasetzung ist auch noch etwas Magie für mich 😉 Das Phänomen beim Abschicken die Fehler zu Entdecken kenne ich auch von Grafikarbeiten etc. Da haben fünf Leute alles gegengelesen und jede Einstellung überprüft und nach dem Druck entdeckt man ein angeschnittenes Bild oder eine falsche Farbe. Gan z sicher ist man nie vor so was… leider 🙂

  6. Wow. Ich bin gerade erstaunt, wie krass deine Lehrer gewesen sein müssen. Inzwischen wird doch deutlich mehr darauf geachtet wenn ein Kind eine Rechtschreibschwäche hat und wird darauf eingegangen, aber auch dann ist es sicher nicht einfach.
    Und um meinem inneren Rechtschreib- und Grammatiknazi gerecht zu werden ist mir dann doch ein Fehler in deinem Text aufgeFallen. Ein Klassiker der von der Autokorrektur nicht erkannt wird.
    Du bist übrigens in bester intelligenter Gesellschaft: Auch Einstein hatte mit der Rechtschreibung zu kämpfen.

    • Ich hatte wirklich sehr schräge LehrerInnen. Wurde erst in der Oberstufe angenehm. Davor war es echt ein Grauen, und ich hatte richtig Panik in den Unterricht zu gehen. Nicht die Idealvoraussetzung um was zu lernen.
      Ich werde meinen Text jetzt nach dem Fehler durchsuchen. Habe den Text zig mal gelesen. Nichts gefunden. Mal gucken ob ich ihn jetzt finde 🙂

  7. Lieber Leander,

    auch heute noch ist es schwer Kinder mit Rechtschreibschwäche für die Schule die richtige Motivation zu geben. Unser Großer hat auch eine solche Schwäche und er zweifelt oft selbst an sich. Als Eltern ist es auch nicht immer leicht, da man ihn unterstützt, jedoch oft an seiner Verzweiflung verzweifelt (Wir üben täglich seine „Problemwörter“ und trotzdem sind jedes mal wieder andere Fehler im selben Wort, leider oft im selben Satz zwei verschiedene Fehler im selben Wort).
    Er quält sich damit, obwohl er wirklich ein schlaues Kerlchen ist, was man jeden Tag bemerkt, wenn er Erlebnisse rekapituliert, Schlussfolgerungen zieht oder mit mir bastelt.
    Leider geht es in der vierten Klasse halt nur um das verdammte Übertrittszeugnis. Ich hoffe, dass es danach etwas einfacher wird.

    Ich schließe hier mit einem exzellenten Satz meines Buben: „Ist doch wurst, wie man es schreibt, wichtig ist doch, dass der Inhalt gut ist.“

    Sein Wort in Gottes Ohr!

  8. Lieber Himmel… ich lese diese Zeilen und fühle mich so an meine eigene Schulzeit erinnert. Wobei, bei mir war es nie die Rechtschreibung sondern vielmehr die Komma Setzung. Noch heute wirken meine Texte manchmal, als würde ich die Kommas mit Dartpfeilen aus zehn Meter Entfernung aufs Blatt schießen. Wenn ich nur an all die Eselsbrücken denke, die man mir schon dafür empfohlen hat… sinnlos! Gut, inzwischen bin ich etwas besser geworden, doch es ist wie du sagst: die Unsicherheit bleibt auf ewig.
    Aber was soll’s. Reich mir die Hand, Genosse! Auf dass all die dort draußen lauernden Grammatik Nazis ein grausames Schicksal erleiden mögen 😉

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